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Mit Vertrauen geht alles!

Ein Interview zum Thema Vertrauen mit Deva Bhusha-Glöckner, Tantra-Masseurin und Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung.

Liebesart.com: Liebe Deva, ich muss sagen, als ich das erste mal auf deine Homepage und deinen Facebook-Account aufmerksam geworden bin, war ich fasziniert. Du hast dich für ein außergewöhnliches Leben und Lieben entschieden. Vielleicht magst du dazu – mal ganz frei – ein paar Worte sagen, wie dein Weg dich dahin geführt hat, wo du heute bist.

„Liebe ist die gemeinsame Freude an wechselseitiger Unvollkommenheit“ Pari

Deva: Das ist langsam entstanden. Ich bin ziemlich berührungsarm aufgewachsen, bin aber ein sehr sinnlicher und körperlicher Mensch. Von daher hatte ich ein großes Berührungsdefizit und habe im Tantra und mit bewusster Berührung viel Heilung empfangen. Irgendwann bin ich morgens aufgewacht und wusste, dass ich dieses Erlebnis weitergeben möchte. Vor ungefähr elf Jahren habe ich daher angefangen zu massieren. Tantramassagen, aber auch verschiedenste andere therapeutische Massagen und Körperarbeiten. Ich habe fasziniert immer mehr dazu gelernt. Irgendwann hatte eine Chefin noch die verrückte Idee, Massagen und Fesseln zu kombinieren, was eine weitere Leidenschaft in mir auslöste, da ich mich in den Seilen sehr geborgen fühle.

“Geborgenheit kann uns niemand geben – denn wo man sich geborgen fühlt entscheidet jeder selbst.” Katrin Breuker

Von der Massage zur Sexualbegleitung

Es kamen auch immer mal wieder Anfragen von Menschen mit Behinderung und da ich bis dahin relativ wenig Kontakte hatte, habe ich mich ein wenig unsicher gefühlt. Als ich hörte, dass es eine Ausbildung zur Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung gibt, habe ich mich sofort dafür entschieden.

Hand in Hand für Vertrauen

In der Arbeit entstand dann der Wunsch mit den Menschen auch weiter zu gehen, über die Massage hinaus. Viele Begegnungen waren sehr schön und daher habe ich das Spektrum dann auch auf nichtbehinderte Menschen ausgeweitet, die sehr schüchtern sind, wenig Erfahrungen haben oder forschungswillig sind.

Vor ca 1,5 Jahren haben dann einige Frauen den “Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen” gegründet. Darüber lernte ich viele Frauen kennen, die ebenfalls herzlich und liebevoll mit ihren Gästen Sex hatten und das hat mir den letzten Anstoß gegeben, mich nicht nur als Tantramasseurin, sondern wirklich als Sexworkerin zu fühlen. Die Tantramassage ist allerdings immer noch das Hauptelement meiner Arbeit und die verwässere ich auch nicht. Auch arbeite ich nur mit Männern, die sich wirklich selbst kennen lernen wollen. Ich suche mir meine Gäste aus. Ich möchte als Frau gesehen und respektiert werden. Das macht manchmal im Vorfeld und bei der Buchung mehr Arbeit, aber dafür machte es dann bei der Ausführung mehr Spaß.

Außergewöhnliche Menschen leben außergewöhnliche Beziehungen

Liebesart.com: Ich habe gesehen, dass du in einer außergewöhnlichen Beziehung mit einem besonderen Mann lebst. Wie lang seid ihr schon zusammen? Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Deva: Mein Partner hat eine Muskelkrankheit und ist relativ bewegungsunfähig, falls du das mit außergewöhnlich meinst (für uns ist es mittlerweile gewöhnlich).

Wir haben uns bei der Sexualbegleitung kennen gelernt und ich mochte ihn vom ersten Augenblick. Wir haben uns sehr schnell angefreundet, da sich viele unserer Lebensansichten ähneln. Auch ist er ein oller Behinderten-Revoluzzer und, mal abgesehen von seinen körperlichen Einschränkungen, alles andere als hilflos. Ich hab ne Schwäche für freche Revoluzzer und als wir dann irgendwann eine tolle gemeinsame Fotosession hatten, hat´s wohl geklickt. Danach hat er bezaubernd gebaggert… Irgendwie blieb mir nichts anderes übrig. (lacht)

Wir haben den Übergang von der Sexualbegleitung zur Beziehung aber nicht plötzlich gemacht sondern sehr sanft mit Zeit und Bewusstheit vollzogen. Wir sind jetzt zweieinhalb Jahre zusammen und sehr glücklich.

Paarweise im Rollstuhl Vertrauen

Wie viel Freiheit verträgt die Liebe?

Liebesart.com: Ist es richtig, dass ihr – über eure Partnerschaft hinaus – auch mit anderen Menschen erotische Abenteuer erlebt? Welche Vereinbarungen habt ihr getroffen?

Deva: Ja, das ist richtig. Nun, für mich gibt es da mehrere Aspekte. Ich bin von Natur aus nicht besonders eifersüchtig, konnte meine Partner immer gern teilen. Leider habe ich aber die Erfahrung machen müssen, dass die anderen Frauen manchmal nicht mehr teilen wollen und sich den Mann ganz erobert haben. Inzwischen bin ich daher vorsichtiger geworden und gucke mir mittlerweile genau an, mit wem ich meinen Partner teile. Wenn die Frau passt und der Respekt untereinander bei allen Beteiligten gegeben ist, kann sich Liebe auch vermehren.

Was die Arbeit betrifft, stand mein Partner immer hinter mir, da er ja selbst weiß, wie gut Sexualbegleitung und Tantramassagen tun. Dass ich darüber hinaus auch zu anderen Männern erotischen Kontakt haben kann, war meine Bedingung für die Beziehung. Zum einen, weil ich Leidenschaften habe, die er mir definitiv nicht erfüllen kann (zum Beispiel gefesselt zu werden) und weil es mir auf Dauer schwer fällt, in der Sexualität nur die aktive Rolle zu übernehmen. Da ich das beruflich ausgiebig mache, möchte ich mich privat auch mal fallen lassen können. Das ist aber aufgrund der körperlichen Bedingungen mit meinem Partner nicht ganz einfach. Wir haben uns deswegen schon öfter selbst Sexualassistenz dazu geholt. Meine Neugier geht allerdings weiter. Es ist nicht so, dass ich die Möglichkeit oft in Anspruch nehme, aber ab und an tut es mir gut. Ich bin ein ziemlicher Freigeist.

Bei Erlebnissen, die spontan in einem Seminar oder auf einem Event entstehen und relativ einmalig sind, lässt er mir alle Freiheiten. Wenn Begegnungen dagegen länger anhalten oder wiederholt werden, hat er natürlich Mitspracherecht. Es soll unsere Beziehung ja nicht beeinträchtigen.

Man wächst mit seinen Herausforderungen

Liebesart.com: Funktionieren eure Vereinbarungen im Alltag gut oder wo stoßt ihr auch mal an Grenzen?

Deva: Am Anfang war es für ihn nicht leicht. Aufgrund seiner Behinderung hatte er 30 Jahre lang keine Beziehung und dadurch ziemliche Verlustängste. Gleichzeitig hat er mich aber auch immer verstanden. Also Prinzipienreiterei gab es nie, nur eben manchmal Ängste. Mit der Zeit hat er allerdings die Beobachtung gemacht, dass ich wieder voll aufgefüllt und beherzt zu ihm zurück komme, dass ihm also nichts verloren geht. Er hat gespürt, dass ich ihn wirklich Liebe.

„Inzwischen schickt er mich manchmal richtig los. Er hat sogar schon Fesselsessions für mich arrangiert, bei denen er dabei war.“

Mit der Beziehung ist das Vertrauen ineinander gewachsen und auch das Gefühl für unsere gegenseitigen Bedürfnisse. In dem Fall ist seine Behinderung sogar ein Vorteil. Er ist es gewohnt, jedes noch so kleine Bedürfnis auszusprechen und seinen Helfern zu vermitteln. Wahrscheinlich ist er sich seiner Bedürfnisse dadurch viel bewusster, als viele nicht behinderte Menschen. Das ist für mich wiederum sehr anziehend und seine Liebe und Aufmerksamkeit gleichen eventuelle sexuelle Defizite locker aus.

Trotz allem haben wir eine sehr lustvolle Sexualität, wenn auch vielleicht nicht immer so spontan wie in anderen Beziehungen.

Natürlich sind mit diesem Beziehungsmodell anfangs auch an Grenzen gestoßen, so etwas hat uns ja keiner vorgelebt.
Aber mit Vertrauen geht alles!

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